Nein sagen

Wann habt Ihr das letzte Mal mit Überzeugung laut und deutlich "NEIN" gesagt? Ich meine jetzt nicht zu sich abstrakt anfühlenden, weit entfernten Dingen wie dem Krieg in Syrien, Kindesmisshandlung oder dem Nationalsozialismus, aber zu einer Person, die euch Auge in Auge gegenübersteht?

Mir fällt so was schwer, egal ob es sich um meine Tochter handelt, die "nur noch eine Geschichte" vorgelesen bekommen oder um meinen Chef, der "nur noch eine Kleinigkeit" vor dem Feierabend erledigt haben will.




Umso mehr hat mich das folgende Märchen aus dem Buch "Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid" von Frederik Bakman berührt:

Das Mädchen, das nein sagte

Es war einmal eine Königin, die war eine sehr mutige und gerechte Prinzessin gewesen, die alle liebten, aber leider war sie erwachsen geworden, und damit war die Angst gekommen, wie das bei Erwachsenen so war. Sie fing an, Effizienz zu lieben und Konflikte zu scheuen. So wie Erwachsene das eben tun.

Also verbot die Königin einfach die Konflikte im ganzen Königreich. Alle sollten immer gut miteinander auskommen, denn das war gut für die Effizienz. Und weil die meisten Konflikte damit beginnen, dass jemand „nein“ sagt, verbot die Königin auch dieses Wort. Und alle, die gegen dieses Gesetz verstießen, wurden unverzüglich in ein großes Nein-Gefängnis geworfen, und Hunderte Soldaten in schwarzen Rüstungen, die die „Ja-Sager“ genannt wurden, patrouillierten durch die Straßen, um zu kontrollieren, dass niemand mit jemand anderem Streit hatte. Doch nicht einmal damit gab sich die Königin zufrieden, deshalb war bald nicht mehr nur das Wort „nein“ verboten, sondern auch Worte wie „nicht“ und „vielleicht“ und „na ja“ beförderten dich direkt ins Gefängnis, wo du nie mehr das Tageslicht zu sehen bekamst. Und wenn du es doch sehen konntest, dann hängte einer der Ja-Sager sofort neue Vorhänge auf.

Ein paar Jahre später waren sogar Ausdrücke wie „möglicherweise“ und „eventuell“ und „wir werden sehen“ verboten. Und irgendwann traute sich niemand mehr, überhaupt noch ein Wort zu sprechen. Und da fand die Königin, dass man das Sprechen dann auch ganz verbieten könne, denn fast alle Konflikte beginnen doch damit, dass einer etwas sagt. Und danach war es im Königreich für einige Jahre sehr, sehr still. Bis eines Tages ein kleines Mädchen angeritten kam und sang. Und alle starten es an, denn Gesang ear ein äußerst ernstes Vergehen im Königreich, weil beim Gesang das Risiko besteht, dass er vielleicht dem einen gefällt, dem anderen aber nicht und dass daraus ein Konflikt entsteht.

Also rückten die Ja-Sager aus, um das Mädchen aufzuhalten, aber sie schafften es nicht, es einzufangen, weil es sehr gut im Rennen war. Also läuteten die Ja-Sager alle Glücken und forderten Verstärkung an. Woraufhin man die Paragraphenreiter rief, die so genannt wurden, weil sie auf einer bestimmten Tierart ritten, die eine Kreuzung aus einer Giraffe und einem Gesetzbuch waren und Paragraphen genannt wurden. Sie stellten die Elitetruppe der Königin und ritten aus, um das Mädchen zu stoppen. Doch nicht einmal die Paragraphenreiter bekamen es zu fassen, also rauschte am Ende die Königin selbst aus ihrem Schloss heraus und brüllte das Mädchen an, es solle endlich aufhören zu singen.


Und da drehte sich das Mädchen zur Königin um, sah ihr eindringlich in die Augen und antwortete: „Nein.“ Und als es das sagte, löste sich ein Stein aus der Gefängnismauer. Und als das Mädchen ein zweites Mal „nein“ sagte, löste sich noch einer. Und bald standen das Mädchen und die anderen Bewohnter des Königreiches, sogar die Ja-Sager und die Paragraphenreiter, da und schrien: „Nein! Nein! Nein!“, und da brach das ganze Gefängnis in sich zusammen. Und auf die Art lernte das Volk, dass eine Königin nur so lange mächtig ist, wie ihre Untertanen Angst vor Konflikten haben.


Mein Vorsatz für das neue Jahr: Öfter "Nein" Sagen - nicht zum Leben, zur Familie und zu Freunden, aber zum "System" und zu den Energie-Fressern in meinem Leben. Man liest sich 2017.



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